Die Ukrainische Revolution im Stellungskrieg

Der Autor Serhij Zhadan hat unter dem Titel „Die ukrainische Revolution im Stellungskrieg“ einen Text verfasst, in dem er über die Konfrontation der proeuropäischen und Pro-Janukowytsch-Kräfte im Vorfeld der Eskalation der Gewalt am 19. Januar in Charkiw berichtet.

Den Artikel finden Sie unter diesem Link auf unserer Seite.

Offener Brief von Juri Andruchowytsch „an alle Europäer“

Der Dichter und Schriftsteller Juri Andruchowytsch hat einen offenen Brief verfasst ,den wir Ihnen hiermit weiterleiten wollen:

Liebe Freunde,
und vor allem liebe Journalisten und Presseredakteure im Ausland

 

In diesen Tagen erhalte ich von euch sehr viele Fragen und Bitten, die aktuelle Situation in Kyiw und in der Ukraine im allgemeinen darzustellen und nach Möglichkeit eigene Zukunftsvision mindestens für die nächste Zeit zu formulieren. Da ich einfach nicht im Stande bin, an jede von euren Zeitschriften einen ausführlichen analytischen Beitrag zu verfassen, habe ich beschlossen, mich kurz an euch zu wenden, damit jeder von euch die Informationen hier je nach dem Bedarf verwenden kann.

Die wichtigsten Informationen, die ich hier mitzuteilen habe, sind folgende.

In nicht einmal vier Jahren seiner Amtszeit hat Janukowytsch die Situation im Staat und in der ukrainischen Gesellschaft bis zum äußersten Spannungsgrad zugespitzt. Noch schlimmer – er hat sich selber in eine Sackgasse getrieben, da er in dieser Situation ewig an der Macht bleiben soll und auch seine Macht mit jeglichen Mitteln aufrechterhalten will. Sonst beginnt für ihn eine rigorose kriminelle Verantwortung. Die Ausmaße von Diebstahl und Unterdrückung übersteigen alle Vorstellungen von menschlicher Gier.

Die einzige seit über zwei Monaten von dem Regime angewendete Antwort auf die friedlichen Proteste ist die eskalierende Gewalt, die man als eine Art „kombinierte“ Gewalt bezeichnen kann: einerseits erfolgen Angriffe der Polizeieinheiten auf den Majdan, andererseits werden oppositionelle Aktivisten und die einfachen Teilnehmer der Protestaktionen einzeln verfolgt (Beschattung, Prügeln, Anzünden von Autos und Häusern, Einbrüche in Wohnungen, Verhaftungen, Rollbände der Gerichtsprozesse). Einschüchterung wird zum Schlüsselwort. Da die Einschüchterungen keine Wirkung zeigen und die Menschen immer zahlreicher protestieren, greift die Regierung zu immer brutaleren Repressalien. Eine gesetzliche Basis für die Repressalien wurde am 16. Januar geschaffen, als die vom Präsidenten voll und ganz abhängigen Abgeordneten mit allen erdenklichen Reglements-, Tagesordnungs- , Abstimmungsprozedur- und Grundgesetzverletzungen mit einfachem Händeheben (!) in nur wenigen Minuten (!) eine ganze Reihe von Gesetzesänderungen verabschiedet haben, die das Land mit Sicherheit in eine Diktatur und einen Ausnahmezustand führen, auch wenn ein Ausnahmezustand gar nicht verhängt wird. Während ich, um nur ein Beispiel anzuführen, diese Zeilen schreibe und weiterleite, kann ich gleich nach mehreren Artikeln vor Gericht erscheinen: für „Verleumdung“, „Aufwiegeln“ u.ä.

Mit einem Wort: werden diese „Gesetze“ anerkannt, kann jeder behaupten, in der Ukraine sei alles verboten, was durch die Regierung nicht erlaubt ist. Und die Regierung gibt ihr Erlaubnis nur für das Eine: den unbedingten Gehorsam der Regierung gegenüber.

Die ukrainische Gesellschaft konnte sich mit solchen „Gesetzen“ nicht zufrieden geben, deshalb begannen schon wieder am 19. Januar die Massenproteste, in denen es um die Zukunft des Landes geht.
Heute kann man in TV-Nachrichten aus Kyiw Protestierende in unterschiedlichsten Helmen und in Gesichtsschutzmasken sehen, manchmal halten sie Holzknüppel in den Händen. Sie dürfen nicht glauben, dass Sie „Extremisten“, „Provokateure“ oder „Rechtsradikale“ vor sich haben. Sowohl ich wie auch alle meine Freunde erscheinen nun zu den Kundgebungen in solcher Ausrüstung. So schnell sind wir – ich, meine Frau, meine Tochter, meine Freunde – zu Extremisten geworden. Wir haben keinen anderen Ausweg, unser Leben und unsere Gesundheit zu verteidigen. Auf uns zielen die Kämpfer der Polizeieinheiten, unsere Freunde werden von ihren Scharfschützen getötet. Die Zahl der Protestierenden, die allein im Regierungsviertel in den letzten zwei Tagen getötet wurden, beträgt nach unterschiedlichen Angaben zwischen 5 und 7 Personen. Die Verschollenen in ganz Kyiw zählt man bereits in Dutzenden.

Wir können mit den Protesten nicht aufhören, weil das bedeuten würde, wir nehmen unser Land als ein lebenslanges Gefängnis in Kauf. Die jungen Ukrainer, die postsowjetischen Generationen, vertragen keine Diktatur mehr. Wenn die Diktatur siegt, muss Europa mit der Perspektive rechnen, ein Land wie Nordkorea an der europäischen Ostgrenze zu bekommen. Außerdem wird das für Europa eine Flut von Flüchtlingen zwischen 5 und 10 Millionen bedeuten. Ich möchte niemanden erschrecken. Unsere Revolution ist die Revolution der Jugend. Und diesen nicht erklärten Krieg führt die Regierung vor allem gegen die Jugend. Mit der nächtlichen Dunkelheit erscheinen auf den Kyiwer Straßen undefinierte Menschengruppen „in Zivil“. Sie machen hauptsächlich Jagd auf die jungen Menschen, die kleine Abzeichen oder Markierungen des Majdans oder der EU tragen. Die Jugendlichen werden gefasst, in Wälder gebracht, nackt ausgezogen und im harten Frost gefoltert. Ist es Zufall, dass junge Künstler– Theaterdarsteller, Maler, Dichter – auffallend oft Opfer dieser Überfälle werden? Man gewinnt den Eindruck, dass im Lande etwas wie „Todesschwadrone“ walten, die sich zum Ziel gesetzt haben, die Besten auszurotten.

Und noch ein bemerkenswertes Detail: in den Kyiwer Krankenhäusern werden den protestierenden Verletzten Polizeifallen gestellt. Die Protestierenden (ich muss das noch einmal betonen: die verletzten Protestierenden!) werden in Krankenhäusern gefasst und zu Verhören an unbekannte Orte gebracht. Sogar für die zufälligen Opfer einer Polizeigranate ist es gefährlich geworden, einen Arzt aufzusuchen. Die Ärzte zucken die Achseln und liefern ihre Patienten den sogenannten „Rechtsschützern“ aus.

Zusammenfassend möchte ich sagen: in der Ukraine geschehen massenhaft Verbrechen gegen die Menschlichkeit, und die Verantwortung für die Verbrechen trägt die jetzige Staatsmacht. Wenn man hier von Extremisten spricht, kann das nur auf die Staatsmacht zutreffen.
Und nun zu den beiden traditionell kompliziertesten Fragen: ich weiß nicht, was weiter geschieht, so wie ich nicht weiß, was Sie heute für uns tun könne. Sie können immerhin diesen Artikel hier weiterleiten und publizieren. Was noch? – Seid in Gedanken bei uns. Denkt an uns. Wir werden auf jeden Fall siegen, wie grausam die da auch vorgehen mögen. Die Ukrainer verteidigen heute buchstäblich mit eigenem Blut die europäischen Werte einer freien und gerechten Gesellschaft. Und meine Hoffnung besteht darin, dass Sie das zu schätzen wissen.

Ausstellung: Euromaidan. Besetzte Räume.

Kiew: im Epizentrum der Massenproteste

Fotoausstellung von Yevgenia Belorusets. Im Projektraum OKK in Berlin 13359, Prinzenallee 29, Eröffnung: 31. Januar, 19 Uhr. Geöffnet: 31.1.-15.2., Do.-So. 15 – 19 Uhr

Schon seit einigen Tagen ist es aus mit dem friedlichen Protest in Kiew. Meine Fotografien sprechen davon, was auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist: eine besondere Protestkultur, die es so nur in der Ukraine gegeben hat und die in manchem an ein Volksfest erinnerte. Und die in mancher Hinsicht verwiesen hat auf die eingeführten Spektakel vergangener Jahrhunderte: Verfolgung und öffentliche Bestrafung von „Verrätern“, das Florieren von Ritual und mythologischem Denken.

Die während der gesamten Protestzeit immer wieder geführten Diskussionen zwischen Vertretern unterschiedlicher Ansichten über die Zukunft gehen nun im schwarzen Rauch der brennenden Decken unter. Die Meinungsverschiedenheiten verschwinden mit den vernichteten Leben. Wenn ich mir diese Fotos anschaue, steht mir immer vor Augen: fünf Tote, unzählige Verletzte.

In der Kiewer Innenstadt geht der gewaltsame Widerstand weiter. Auf dem Euromajdan verschwinden Menschen, Unbekannte in Zivil nehmen sie mit, dann erfahren wir aus den Nachrichten, dass sie geschlagen und gefoltert wurden. Über dem Kiewer Protest schwebt nicht mehr die schemenhafte Europa-Idee, sondern der Hass auf die Macht, die Forderung nach Veränderungen und die direkte Bedrohung für Leib und Leben.

In vielen Medien wird derzeit über die Angriffe von Seiten der Protestierenden geschrieben. Aber die autoritäre Gewalt von Seiten des Staates ist und bleibt in ganz anderen Ausmaßen grausam, brutal und sinnlos. Es ist die Gewalt eines zerfallenden Systems, das allein die Existenz eigenständiger politischer Formen von anderem Denken ablehnt. Diese Gewalt ist ansteckend, sie will unsere Immunität, unsere Widerstandsfähigkeit, unseren Glauben daran zerstören.

Nach langem Zögern habe ich mich entschlossen, meine Ausstellung zum friedlichen Protest in Kiew dennoch zu zeigen und nicht aufzuschieben. Die Fotografien, die in dem geschützten Raum der Berliner Galerie zu sehen sind, zeigen friedliche Demonstranten. Wir sehen sie in Momenten des Durchatmens, in Erwartung. Ihr eiserner Wille, sich der ukrainischen politischen Realität nicht zu unterwerfen, ihr Misstrauen gegenüber der großen Politik machen Eindruck.

Sie haben etwas gewagt, sie haben verschiedene, mitunter auch nationalistische Losungen verbreitet und hatten damit oft etwas ganz Anderes im Sinn, das sich nicht in das nationalistische Dogma einschreibt. Genau dieser Ungehorsam, und sei er auch noch so unterschwellig, macht mir Hoffnung.

Aber jetzt, wo das Leben von vielen Menschen in Gefahr ist, fällt es schwer, die Ergebnisse des Protestes in den Blick zu nehmen, ebenso die Hoffnungen, jetzt müssen wir uns dem zuwenden, was auf unseren Straßen und Plätzen passiert.

KONTAKT: OKK, Pablo Hermann, E-Mail: pablorion@yahoo.com, 017625857519
Yevgenia Belorusets, E-Mail: belorusezjen@gmail.com

Die Ausstellung wird unterstützt von translit e.V.

HINTERGRUND

Der Platz der Unabhängigkeit (Maidan Nezalejnosti) ist einer der zentralen Plätze in der rund drei Millionen Einwohner-Stadt Kiew. Seit dem 21. November 2013 versammelt sich bis zum heutigen Tag die größte Protestbewegung der Ukraine seit der Orangenen Revolution. Diese Bewegung gab sich den Namen „Euromaidan“. Eine eigenständige politische Positionierung des Maidans formiert sich erst mit der Zeit. Währenddessen fungiert er als Bühne für verschiedene, mitunter zutiefst widersprüchliche Standpunkte.
Die Ausstellung Euromaidan. Besetzte Räume. würdigt den Alltag der Protestierenden: in den besetzten Regierungsgebäuden, im Kiewer Rathaus, im Haus der Gewerkschaften und im Oktoberpalast.
Yevgenia Belorusets ist Künstlerin, soziale Aktivistin und Autorin aus der Ukraine. Sie lebt in Kiew und Berlin (www.belorusets.com).

Der Projektraum OKK (Organ kritischer Kunst www.kritische-kunst.org) ist eine Plattform für kulturellen Aktivismus und kritische Kunst in Berlin.

Flyer zur Ausstellung

NZZ: „Ein Bündnis gegen die Macht“

In der Neunen Züricher Zeitung vom 18.12.2013 ist ein Artikel des ukrainsichen Schriftstellers Andrij Bondar zu den aktuellen Protesten in Kiew erschienen. Sie finden den Artikel hier.

Beitrag von Katja Petrowska zum Euromaidan

Auf der Website der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist am 14.12. unter dem Titel „Was uns Kiew angeht“ ein Artikel der diesjährigen Imgeborg-Bachmann-Preisträgerin Katja Petrowska zum Euromaidan in Kiew erschienen, den Sie hier nachlesen können.

Gegenwärtige Situation in der Ukraine

Zu den aktuell in der Ukraine stattfindenden Protesten für eine Unterzeichnung des mit der EU ausgehandelten Assoziierungsabkommens berichten alle deutschen Medien. Am 12.12. ab 22.45 ist die Situation in der Ukraine Thema in der Talkshow Beckmann im ersten Programm der ARD.

Vor Ort in Kiew sind unter anderen die FAZ mit Ihrem Korrespondenten Konrad Schuller und ZEIT-Online mit dem Reporter Steffen Dobbert.

Hintergrundinformationen bietet die neueste Ausgabe der Ukraine-Analysen vom 11.12.

Käpt’n Book Festival

Am 16. November 2013 wurde  „Das Märchen vom alten Löwen“ der Autorin Marjana Sawka, das die beiden translit-Mitglieder Kati Brunner und Jutta Lindekugel ins Deutsche übertragen haben, auf dem Käpt´n Book Festival in Bonn vorgestellt. Das Publikum war begeistert.

Skype Mama: Lesung und Gespräch in Berlin

Zeit: Di, 26.November.2013 von 19:00 bis 21:00

Ort: Heinrich-Böll-Stiftung, Schumannstr. 8,10117 Berlin

Eine neue Generation ukrainischer Autorinnen und Autoren interessiert sich zunehmend für die sozialen Verwerfungen und Brüche innerhalb der Gesellschaft. Ein Thema dabei ist die Arbeitsmigration aus der Ukraine: Allein aus der Westukraine sind in den vergangenen Jahren rund sieben Millionen Menschen abgewandert, um im Ausland ihren eigenen Lebensunterhalt und den ihrer Familien zu sichern. Auf vielen Migrant/inn/en lastet nicht nur der psychische Druck der Illegalität. Sie und ihre Angehörigen sind im Konflikt mit den traditionellen Moral- und Familienvorstellungen. Sie erfahren sozialen Neid in der Heimat. Für die Kinder, die in der Regel in der Ukraine bleiben, bedeutet die Arbeitsmigration die oft jahrelange Abwesenheit eines oder sogar beider Elternteile.

In elf Geschichten widmen sich die Autorinnen und Autoren des Buches „Skype Mama“ dem Thema der Wanderarbeit. Der literarische Teil wird durch die Fotos von Yevgenia Belorusets ergänzt, die für ihr Fotoprojekt „Das Paradies in einem einzelnen Dorf“ durch die westukrainischen Dörfer reist und Verwandte der Arbeitsmigrant/inn/en porträtiert.

Mit:

  • Marjana Sawka, Mitherausgeberin des Buches „Skype Mama“, Lviv, Ukraine
  • Serhij Hrydyn, Autor und Sozialarbeiter, Zdolbuniw, Ukraine
  • Yevgenia Belorusets, Fotografin, Autorin, soziale Aktivistin, Kiew, Ukraine

Moderation: Kati Brunner

Die Veranstaltung ist in Ukrainisch und Deutsch mit Simultanübersetzung.

Eine Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung und translit e.V., gefördert durch die Robert Bosch Stiftung.

Weitere Informationen:

Robert Sperfeld
Referat Ost- und Südosteuropa
Tel.: 030-28534-387
Mail: sperfeld@boell.de

Skype Mama – Lesung in Greifswald

Skype Mama – Erzählungen über Arbeitsemigrantinnen aus der Ukraine

Lesung mit der Herausgeberin Sofia Onufriv, Moderation Vira Makovska. Im Rahmen der Entwicklungspolitischen Tage in M-V 2013

Am 13.11.2013 um 20:00 im Koeppenhaus, Bahnhofstr. 4/5 in Greifswald

Wenn die Eltern fortgehen müssen, oft jahrelang, weil es in ihrer Heimat keine Arbeit gibt, wie ergeht es ihren Kindern, die bei ihren Großeltern aufwachsen oder bei nur einem Elternteil? Dieses Schicksal trifft Kinder in der Ukraine, aber auch in Moldawien, in Rumänien oder in Polen. Hunderttausende Mütter sind es in der Ukraine, und das sind vorsichtige Schätzungen, die sich als Arbeitsemigrantinnen im Westen verdingen. „Skype Mama“ versammelt Geschichten über das zerrissene Leben in zwei Welten.
Erzählungen u. a. von Natascha Guzeeva, Oleksandr Hawrosch, Serhij Hrydyn, Marianna Kijanowska, Halyna Kruk, Tanja Maljartschuk, Halyna Malyk, Marjana Sawka, Natalka Sniadanko.

„Skype Mama“ ist bei der edition.fotoTAPETA 2013 erschienen und herausgegeben von Kati Brunner, Marjana Sawka und Sofia Onufriv.

Sofia Onufriv studierte Germanistik und Verlagswesen in Lwiw, ist freiberufliche Kulturmanagerin und Übersetzerin.
Vira Makovska ist Fachdidaktikerin für Russisch/Polnisch, Sprachlektorin für Ukrainisch, Slawistik an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald.

Eintritt: 3 & 2 Euro