China, das Land von Reis und Opium

Ami-Chao

In dem einsamen Hotel in dieser berüchtigten Banditenstadt, in dem ich abgestiegen war, hatte der Herr des Hauses einen umfassenden Service für mich parat: Fliegen, Mücken, Flöhe, Gammelfleisch zum Abendessen, Einbrecher gegen Mitternacht, Musik und Lärm bis zum Morgengrauen, alles Erdenkliche sozusagen, abgesehen von der einzigen Annehmlichkeit, nach der ich mich gesehnt hatte, einem heißen Bad.

„Alles, was Sie wünschen“, sagte er ausweichend, „ein Wandertheater vielleicht? Aber ein Bad … Das finden Sie in der ganzen Stadt nicht, nicht mal zum Anschauen.“

Als mir bewusst wurde, dass ich einzig und allein wegen der Hoffnung auf dieses Bad die Einladung meines chinesischen Reisegefährten ausgeschlagen und damit die Möglichkeit verpasst hatte, näher in das Familienleben der Chinesen einzutauchen, noch dazu seine drei Töchter kennenzulernen, von denen eine die kleinsten Füße der ganzen Gegend hatte, hallte mein Herz vor Bedauern wie ein tiefer leerer Brunnen, wenn man hineingespuckt hat.

Schon seit einer halben Stunde saß ich reglos da und wartete auf den Tee, den ich bestellt hatte, ich lehnte an der Brüstung meines Balkons vor dem hohen Zimmerfenster, der in das schwermütige, seit dem Abend wolkenverhangene Tal hinausragte.

Der Tee wurde irgendwo auf einem dreibeinigen Kocher zubereitet, in dessen Nähe die Diener Geige spielten und chinesische Lieder sangen. Vor Kummer sang ich: „Und die Nachtigall trillert: tirili, tirili, tirili.“1 Das Lied erinnerte mich an etwas Nahes, Vertrautes, fast schon Vergessenes.

Wo war wie von Zauberhand auf einmal diese schwere Wolke herkommen? Ich weiß es nicht. Es ist im Allgemeinen schwierig, China zu verstehen. Die Wolke zog auf, senkte sich über meinen Balkon, und kaum hatte ich mich ausgekleidet und ein Stück Seife und ein Handtuch aus meinem Koffer geholt, kam aus der Wolke eine reichliche warme Dusche herabgeregnet – ein fertiges Bad für mich.

Auf der Straße unter meinem Balkon blieb ein Mann – er kam offenbar vom Feld –, fasziniert von meiner Pantomime, kurz stehen. Geschwind senkte er den Kopf und ging schnell davon, wahrscheinlich hielt er mich für eine weiße Zauberin in Abendtrance.

Nach dieser spontanen Dusche lief ich – neugeboren wie ein Pilz nach dem Regen, die Haut wieder weiß – beschwingt die Treppe hinab, was den Hotelbesitzer, einen Griechen, maßlos erstaunte, hatte er mich doch gerade einmal eine halbe Stunde zuvor im Trauertrott die Treppe hochschleichen sehen, Stufe um Stufe, und geglaubt, ich sei schwer krank, denn wozu hätte ich sonst ein heißes Bad nötig? Sogar einen „renommierten Arzt“, der ein guter Bekannter von ihm war, hatte er mir diskret empfohlen. Jetzt kam er wieder an und fragte, ob ich Hunger hätte, ob ich sonst noch etwas brauche, im Hotel essen wolle, mit dem Zimmer zufrieden sei, und warnte mich zu guter Letzt, ich solle das europäische Stadtzentrum, die Gegend um den Bahnhof also, nicht verlassen, denn die Chinesen seien hier den Anblick von Menschen mit weißer Haut noch nicht gewöhnt und daher äußerst schreckhaft. Ich beruhigte ihn und versicherte ihm, die Chinesen seien für mich „gute alte Bekannte“, sie würden mir nichts zuleide tun und ich wolle jetzt gleich einen dieser „Freunde“ suchen gehen. Ich dachte an meinen abhanden gekommenen unverbesserlichen Reisegefährten.

Leider konnte mir der Hotelbesitzer nicht sagen, wo ich meinen „guten Freund“ finden konnte – einen Mann, der ein langes blaues Gewand mit breiten Ärmeln und eine schwarze Mütze auf dem rasierten Kopf trug und der schmale, schräge Augen hatte, die unter der Mütze hervorsahen. Der Grieche war sogar witzig, er versicherte mir, ich könne in jedes beliebige Haus gehen und würde dort einen „Freund“ finden, auf den meine Beschreibung zuträfe.

Ich überging seine Warnung und begab mich auf einen ersten Streifzug durch die Stadt, ehe die chinesische Nacht heraufzog. Die Betriebsamkeit der Menge, der Gesang der Händler, die Suppen, Süßigkeiten, Gas und marinierte Bohnen feilboten, die Rufe der Karawanengänger, die mit ihren Lasteseln für die Nacht in der Stadt Quartier nahmen, die Schreie der Rikscha-Kulis, die die fetten chinesischen Mandarin in den zweirädrigen Karren zogen, und das Bellen der hungrigen Hunde füllten die Straßen mit einem so seltsamen Gemisch von Tönen, dass mir der Kopf schwirrte wie auf einem Jahrmarktkarussell. Da ich Karusselle liebe, stellte dieses Gewusel kein Hindernis für meinen Streifzug dar, im Gegenteil: Ich wagte mich immer weiter in die Stadt hinein, teilte mit den Händen die undurchdringliche Menschenmenge, als wollte ich gewaltsam in sie eindringen und so das Geheimnis ihres verborgenen Lebens lüften.

Ein Stück weiter wurden die Menschen merklich weniger, die Straßen enger, verwinkelter, abgelegener, manchmal endeten sie einfach. Ich machte irritiert kehrt und ging aufs Geratewohl weiter: geradeaus, rechts und links, mal an einer langen Mauer entlang, deren Breschen den Blick auf die endlosen Friedhofsfelder mit ihren grünen, grasbewachsenen Gräbern freigaben. Hier war alles verstummt, als lauschte es in die abendliche Stille. Nur irgendwo in der Ferne krächzten Krähen an einem Grab.

Ich drehte mich um, um mir den Weg zu merken, den ich genommen hatte, und entdeckte zwei Chinesen, die mir in „gebührendem“ Abstand lautlos folgten.

›Wahrscheinlich neugierig auf eine weiße Frau’, dachte ich eher wohlwollend, ‚wie schüchtern sie doch sind, sie trauen sich nicht mal näher. Vielleicht ist das ihre Art, um mich zu werben, und ich verstehe es nur nicht.’ Ich versuchte, mir ihre verborgenen Absichten zu erklären und herauszufinden, ob sie feindlich oder eher voller Vorsicht und Staunen waren. Kaum war ich nach links in eine schmale, dunkle Straße eingebogen, hatte ich irgendwo hinter einer Biegung meine ersten vermeintlichen chinesischen Verehrer verloren, stattdessen schlug mir durch eine angelehnte Tür eine derbe Beschimpfung entgegen, von der ich lediglich den feindlichen, beleidigenden Ton verstand. Als hätten alle nur auf dieses Zeichen gewartet, fielen weitere unsichtbare Münder ein. Sogar die Hunde fingen an, böse zu bellen, als ich auftauchte, obwohl sich keiner an mich heran wagte, nach meinem Mantel schnappte oder mir in die Wade biss.

Ich drehte mich wieder um. Es war niemand zu sehen, nur hier und da eine klappende Tür und der Schatten einer Gestalt, die an der Mauer entlang heimwärts huschte. Auch wenn ich sie nicht sah, fühlte ich mich umzingelt von verborgenen Blicken voller Hass und Rachsucht.

Von oben krachte mir ein schwerer Stein vor die Füße, als hätte er sich vom Dach gelöst, ein paar Minuten später flog der nächste, der genauer zielte, und traf mich am Hals.

Ringsum – weder vor mir noch hinter mir – war auch nur ein einziger Mensch, als wäre die Vorstadt auf mein Erscheinen hin ausgestorben. Selbst die Kinder waren schnell ins Haus gerannt und hatten die Türen hinter sich geschlossen.

Ich versuchte, möglichst langsam zu gehen und mir die Anspannung und Verblüffung nicht anmerken zu lassen, obwohl mich die hinterhältige Feigheit der Leute und ihre gemeine Attacke innerlich rasend machten.

Etwas weiter, an einer Straßenkreuzung, erkannte ich in der Ferne die beiden Männergestalten, die merkwürdigerweise wieder in meine Richtung gingen, mir aber ein paar Schritte voraus waren, offenbar hatten sie mir mit einer kürzeren Gasse den Weg abgeschnitten. Die beiden Einheimischen, soviel war klar, hatten ihr Augenmerk auf mich gerichtet, allerdings war ich von ihrer Anwesenheit inzwischen weniger begeistert, ich fühlte mich von ihren Absichten eher verunsichert. Es setzte weitere Beschimpfungen und Beleidigungen, dann trafen mich einige gut gezielte Steine, einer verletzte die Hand, in der ich meine Handtasche trug.

Ich verband die Wunde und zwang mich, gelassen zu bleiben, gemächlich schlenderte ich weiter durch die abweisenden Straßen. Zum Glück hatte ich meinen Revolver nicht dabei, sonst hätte ich womöglich in einem Anfall von Wut in die Richtung geschossen, aus der die Steine geflogen kamen. Vielleicht hatten die Männer sogar nur darauf gewartet, um mich anschließend „aus Notwehr“ ungestraft angreifen, ausrauben, ja vielleicht sogar umbringen zu können.

Vorsichtig und wachsam wie ein gejagtes Tier, ging ich, den Steinschlägen ausweichend, ganz in der Mitte der Straße, obwohl ich wusste, dass die Mauer mich besser schützen würde. Dafür würde wenigstens kein heimtückisches chinesisches Krummmesser durch einen Türspalt auf mich einstechen.

Als ich zu dem ersten Mann aufschloss, der bewusst seinen Schritt verlangsamt hatte, spürte ich seinen verborgenen und durchdringenden Blick, der das Geld in meiner Tasche oder eine weiche Stelle zwischen meinen Rippen suchte, um sein gebogenes Messer hineinzustoßen.

Ich ging schneller und hatte die beiden Männer nach wenigen Schritten überholt, und so liefen sie jetzt dicht hinter mir. Die lange Straße wurde immer schmaler, hier und da konnte man, wenn man die Arme ausbreitete, beide Seiten berühren, mit ihr hatte auch die chinesische Nacht ihre Pupillen so weit verengt, dass ich kaum noch meine Schuhspitzen erkennen konnte. Es herrschte völlige Stille: Die Hunde hatten aufgehört zu bellen, und es fielen keine Steine mehr hinter mir zu Boden. Vielleicht wurde ein noch raffinierterer Angriff auf mich vorbereitet?

Auf der einen Seite kam jetzt wieder eine löchrige Mauer, von der der Gestank verwesender Leichen, Kadaver und städtischer Abfälle herüberwehte. Hinter der Mauer zeichneten im fahlen Licht, das verräterisch aus vereinzelten Fenstern fiel, die Schatten der beiden Männer ab, die mir noch immer lautlos folgten. Ich war jeden Augenblick darauf gefasst, dass mich einer der beiden überfallen würde. Wahrscheinlich würde er mit seinen dürren, knochigen Händen meinen Hals packen oder mit einem derben Bambusstock meinen Kopf attackieren, sodass der spitze Stock darin stecken blieb …

Die Spannung war unerträglich! Sie zog sich ins Unendliche.

‚Hunde’, verfluchte ich die Männer im Stillen und presste die Lippen aufeinander, um nicht aufzuschreien, ‚habt ihr euer Messer jemals in weiße Rippen gerammt?! Miese Verräter! Warum stürzt ihr euch nicht zu zweit auf mich und zerrt meine Leiche hinter die Mauer, um mir die Kleider herunterzureißen und meine Tasche zu rauben? Nachts, still und ungestraft – nicht die kleinste Spur wird von mir bleiben! Diebesgesindel! Ihr Feiglinge habt Angst vor meiner Hand, die in der leeren Tasche steckt, habt Angst, da könnte ein Revolver sein?’

Mich ergriff eine unbändige Wut auf das miese Verhalten dieser Feiglinge. Als wollte ich sie provozieren, ging ich jetzt betont langsam und tat so unbekümmert, als wandelte ich in einer Frühlingsnacht bei Mondschein glückselig durch einen Fliederhain in meinem Garten. Irgendwann fand ich allerdings die Anspannung derart unerträglich, dass ich mich, ich weiß selbst nicht warum, entschied, ihre Zweifel hinsichtlich des Revolvers zu zerstreuen. Langsam zog ich die Hand aus der Tasche, in der ich bis eben noch nervös den unschuldigen Füllhalter gedrückt hatte.

Ich dachte, sie würden sich jetzt sofort auf mich stürzen, aber anscheinend sah ihr Plan vor, mich weiter zu quälen. Mir wurde klar, dass sie die Sache aus purer Lust hinauszögern könnten, um das Opfer in Todesangst zappeln zu lassen und sich an der Wirkung der ausgeklügelten Tortouren zu weiden.

Die Situation und die Atmosphäre waren unverändert. Irgendwo rechts fing wieder ein Hund an zu bellen.

Vor mir lag trostlos die schmale Gasse, die im weiteren Verlauf zu einem menschenleeren Pfad zwischen zwei löchrigen Mauern wurde. Erst in diesem Moment merkte ich, dass der Weg gar nicht in die Stadt führte, sondern aus ihr hinaus, zu den Wiesen und Parzellen der Friedhöfe. Nach dieser Beobachtung beschloss ich, die erste Biegung rechts zu nehmen und in die Stadt zurückzukehren, damit ich nicht wieder auf den schmalen Pfad geriet, auf dem mir die löchrige Mauer wie eine Grenze zwischen Leben und Tod erschien. Wie meine Schatten folgten mir die beiden Männer noch immer lautlos. Rechts hinter dem Abzweig jaulten Hunde auf, als heulten sie einen unsichtbaren Mond an. Ich erreichte gerade die nächste Kreuzung, als mich ein greller Lichtstrahl traf, geblendet kniff ich die Augen zu.

‚Das ist vielleicht schon das Licht im Paradies oder in der Hölle …’, dieser sinnlose Gedanke durchfuhr mich, während ich die Augen öffnete.

Ich sah eine nächtliche Streife vor mir, fünf Soldaten mit Gewehr und aufgepflanztem Bajonett, der erste und der letzte leuchteten den Weg mit Taschenlampen aus.

Kaum hatte ich begriffen, was los war, schaute ich mich nach meinen beiden ständigen Begleitern auf der nächtlichen Abenteuerjagd um. Wie echte Schatten im frontalen Licht hatten sie sich in nichts aufgelöst.

Auf meinem Weg zurück in die Stadt wurde ich von den Soldaten eskortiert, denen mein einsames Schlendern durch die bedrohlichen Vorstadtgassen verdächtig vorkam.

An meinem ersten Tag in Yunnan, das als Land der Banditen verschrien war, verhielt ich mich trotz meiner Erfahrungen viel zu naiv.

 

Noch vor Tagesanbruch reiste ich ab. Im Zugabteil saßen bereits andere Passagiere, dieses Mal Normalsterbliche – Europäer. Ich hatte überhaupt keine Lust, ihre Bekanntschaft zu machen und mich mit ihnen zu unterhalten, also starrte ich angestrengt aus dem Fenster, als hielte ich nach jemandem Ausschau, obwohl draußen im Nebel alles nur schemenhaft zu erkennen war. Ich erinnerte mich an den Ausdruck „Suchet, so werdet ihr finden“ und lächelte still in mich hinein, denn tatsächlich entdeckte ich kurz darauf in der Landschaft das, wonach ich gesucht hatte: den Zauber und die sagenhafte Schönheit der Berge von Yunnan.

Rötlich stieg die Sonne empor und löste den dichten Nebel in den Tälern auf.

Der Zug wand sich zwischen den felsigen, bewaldeten Höhen in Serpentinen zu den Gipfeln hinauf, um gleich darauf kopfüber talwärts zu jagen wie ein launischer Tourist, der sich nicht um das Reiseziel schert und nur auf Naturerlebnisse und neue Eindrücke aus ist. Die Landschaft zeigte sich wirklich in den unterschiedlichsten Facetten, wie man es von einem Gebirge der „Hunderttausend Gipfel“ erwartete.

Die steilen Felsen ragten bis zu den Wolken hinauf, über dunklen Schluchten, in denen schnelle Flüsse rauschten und sich in Kaskaden in die Tiefe stürzten. Hier und da öffnete sich die Bergkette, und üppige, weite Täler säumten mit einem grünen Teppich einen spiegelglatten See, der die Silhouetten der umliegenden Berge zurückwarf.

Plötzlich ratterte der Zug zwischen zwei Tunneln über eine Brücke, die frei über einem gähnenden Abgrund schwebte. Vor lauter Begeisterung nahm ich weder Notiz von den Tunneln, in denen sich Augen und Mund unablässig mit Ruß füllten und die Ohren unter tosendem Lärm dröhnten, noch von den Unterredungen meiner Mitreisenden, die immer hitziger wurden.

Bis einer von ihnen die Stimme so laut erhob, dass sie nicht mehr zu überhören war. Er schrie so heftig, dass ich Angst um die dünnen Tunnelwände hatte …

„Das ist und bleibt unvergesslich und unverzeihlich! Mag sein, dass die Geschichte vom Bau der Bahnstrecke überholt ist, mag sein, dass das Thema erschöpft ist und sich die Fehler nicht beheben lassen, aber jedes Mal, wenn ich die Strecke fahre, werde ich unsagbar wütend. Wie kann man zwölf Kilometer Bahnstrecke verlegen, eine Unzahl von Tunneln, Brücken und komplizierte Kurven bauen, um am Ende wieder am Ausgangspunkt auf der anderen Seite des Tals anzukommen, das ganze zweihundert Meter breit ist! Schauen Sie doch bloß nach unten! Und dann die ständigen Streckensperrungen wegen Steinschlag oder Wassereintritt in dem lockeren Sand-Lehm-Boden … Wenn ich könnte, würde ich die ganze Direktion an den Galgen bringen!“

Obwohl der ratternde Zug seine laute Stimme übertönte, schrie er unbeeindruckt weiter:

„Dass sie diese halsbrecherische Strecke gebaut haben, wo sie doch einen exzellenten, viel kürzeren und kostengünstigeren Entwurf von kompetenten Ingenieuren vorliegen hatten, den sie nur wegen ihren eigenen Ambitionen und ihrem persönlichen Vorteil abgelehnt haben, ist ein Verbrechen!!! Das ist Diebstahl und sonst nichts, sie sitzen immer noch in der Direktion auf ihren Dauerposten und verteilen mit einem generösen Lächeln Reparaturaufträge an irgendwelche Taugenichtse! Pah!“, rief er verbittert und winkte zugleich resigniert ab.

Ich traute mich nicht, mich umzudrehen und ihn anzuschauen, damit er sich, wenn er mein Interesse bemerkte, nicht womöglich animiert fühlte, mir die ganze Geschichte von Anfang an zu erzählen …

Schließlich war ich nicht aus Europa geflüchtet, um nun hier in China mit dieser Art „Geschichten“ behelligt zu werden. Die chinesischen „Speichellecker“, die „unzivilisierten Gewohnheiten“ und alles andere nehme ich mit einem nachsichtigen Lächeln in Kauf, um mich endlich von „europäischen Geschichten“ wie diesen zu erholen.

Die ruhige Stimme eines älteren Mannes unterbrach meine Gedanken:

„Sie sind ein Idealist. Wahrscheinlich ist Ihnen entgangen, dass die Strecke durch wildes, unzugängliches Gelände voller Banditen und Gefahren führt. Welcher Entwurf der bessere ist, ließ sich erst nach Bauende wirklich beurteilen. Sie wundern sich, dass die Direktion, als der Bau abgeschlossen war und keine Verbesserungen mehr vorgenommen werden konnten, keine Untersuchungskommission eingesetzt hat? Wozu auch? Um sich aus Paris den Vorwurf anzuhören, sie hätten ihre Arbeit nicht ordentlich gemacht? Die Entwürfe vor dem Bau zu prüfen, war nicht so einfach, wie es jetzt scheint, Verehrtester: Dafür hätten die Leute ihre Gesundheit und ihr Leben aufs Spiel gesetzt … Da genehmigt man doch lieber einen schon geprüften Entwurf. Jetzt wäscht eine Hand die andere, und das wundert mich auch nicht.“

„Und in Paris weiß man nichts davon?“, insistierte die junge hitzige Stimme.

„Da hat es mit Sicherheit Hinweise gegeben, ganze Bücher sind dazu verfasst worden, aber in Paris hat man das wohl für feindliche Verleumdungen gehalten. Sie sollten, bevor Sie in den fernen Osten aufbrechen, sich lieber den Fatalismus und die Resignation der Einheimischen zu eigen machen statt Tugend und Gerechtigkeit zu suchen, Verehrtester. Europa ist zu weit weg, als dass es uns als Beispiel dienen oder seine Regeln aufzwingen könnte. Jede Kolonie, ja jeder einzelne Bewohner hat hier seine eigenen Regeln. Eine ‚lokale Umsetzung der Regeln’ sozusagen, he, he!“

Trotz des gefährlich lockeren Untergrunds, der überhängenden Felsen und der Spalten unter den Schienen schob sich der Zug weiter den Berg hinauf, an dem murmelnden Fluss entlang, den Wolken entgegen.

Gegen Abend, nach einem Umstieg in einen anderen Zug, der uns zu Hilfe gekommen war und unser Gefährt unter der Erde und dem Geröll hervorgezogen hatte, die von oben herabgestürzt waren und den Zug zur Hälfte begraben hatten, erreichten wir endlich einen wundervollen See, in dem sich alle umliegenden Berge spiegelten.

Jemand sagte: „In einer Stunde sind wir in Yunnan Fu.“

Wegen eines Streichholzes musste ich den Kontakt herstellen und nutzte die Gelegenheit, um meine Neugier zu befriedigen.

„Wie groß ist eigentlich die Entfernung zwischen Hanoi und Yunnan Fu? Bei 30 Stunden Fahrt sind das doch gut und gern zweitausend Kilometer?“, fragte ich und gab dabei gleich selbst eine Schätzung ab.

Das schallende Gelächter der Mitreisenden – fünf an der Zahl – waren die Antwort auf meinen naiven Einwurf.

„Wie? Zweitausend?“ Der ältere Mann, den ich verwundert und aufgeregt anschaute, schnappte nach Luft. „Wie ich sehe, verehrte Dame, legen Sie mit Ihrer Mathematik die Maßstäbe der europäischen Moderne an. Sie haben natürlich mit fünfzig bis sechzig Stundenkilometern gerechnet, aber von Hanoi nach Yunnan Fu sind es trotz der einhundertzweiundsiebzig Tunnel und dreitägigen Fahrt nur siebenhundert Kilometer. Und? … Sie werden hier noch viele wunderliche Dinge zu sehen bekommen …“

‚Siebenhundert Kilometer’, dachte ich, ‚und wie stark sich das Klima ändert: Dort ist es so heiß, dass die Steine weich werden, und hier ist es angenehm frisch und saftig grün.’ Gierig sog ich die Bergluft ein, als hätte sie mir jemand nur für eine einzige Minute geliehen.

Schon von weitem sah ich am Horizont die alte Stadt Yunnan Fu, die sich vor den hohen, felsigen Bergen abzeichnete und in der sich die Tempel der allmächtigen gütigen und zornigen Götter den menschlichen Blicken entzogen.

 

Yunnan Fu

Meine ersten Eindrücke waren überwältigend.

Ich hatte mir Yunnan Fu wie die indochinesischen Städte vorgestellt, wo es keiner eilig hatte und sich die Menschen in ihren Aktivitäten auf das allernotwenigste beschränkten.

Und dann diese quirlige Menge, dieses Gewusel, die Schreie, die Rufe und der Lärm? Woher nahmen sie die ganze Energie? Das hier war ein ganz anderer Osten, anders als der, den ich auf den tropischen Inseln und in Indochina gesehen hatte. Kaum war ich aus dem Zug gestiegen, umringten mich Kulis und Rikscha-Fahrer und boten mir ihre Dienste an. Meinen Koffer, den ich allein aus dem Zug gehoben hatte, schleppten sage und schreibe zwei Träger mit einem Strick, und ein Kuli setzte mich in eine Rikscha und fuhr mich dem Koffer hinterher. Hinter dem Tor, das vom Bahnhof auf die Straße hinaus führte, sog uns die Menge in ihren unaufhaltsamen Strom und trug uns zu bis einer Straßenkreuzung, an der ich mit meiner langen Eskorte den Strom der Menge aufhielt.

Mit meinem neuen Bekannten, einem chinesischen Arzt, der mir empfohlen worden war und der mich am Zug abholte, kamen wir endlich an einem kleinen Hotel über dem Fluss in dem ruhigen europäischen Viertel an, in dem ich vorübergehend unterkommen sollte, ehe ich in meine richtige Unterkunft bei einer chinesischen Familie übersiedeln würde.

Als die Sonne unterging, wurde ich traurig vom Krächzen der Krähen, die in schwarzen Schwärmen von Baum zu Baum flogen. Mit einem jämmerlichen Bellen antworteten ihnen die hungrigen Hunde, die am Fluss entlang streiften und darauf lauerten, dass das Wasser Leichen von Ertrunkenen anspülte.

In meiner Nähe saß ein dürrer weißer Hund unter einem Baum, den Blick aufmerksam nach oben gerichtet, offenbar wartete er, dass eine Krähe tot herunterfiel. Die Krähen oben im Baum beobachteten wiederum den Hund, dem der Tod schon aus den Augen schaute. Ich weiß nicht, warum an jenem Abend für mich diese Szene ein Symbol für das ganze Land war. Später, als ich das Leben der Menschen hier näher kennenlernte, musste ich immer wieder an die bedauernswerten Hunde und die geduldigen Krähen denken.

An diesem Abend konnte ich, obwohl sich die Krähen inzwischen beruhigt hatten und ich nach der langen Reise sehr erschöpft war, überhaupt nicht einschlafen. Nachdem ich es eine ganze Stunde lang vergeblich versucht hatte, trat ich, noch müder als zuvor, auf den Balkon, um mich von meiner Schlaflosigkeit zu erholen. Der Mond schien. Ein einsames Boot zog, bewegt von einem einzigen Ruder, über den Fluss. Der Mond wanderte durch weiße Wolken. Jedes Mal, wenn er hinter den Wolken hervorschaute, hob der weiße Hund, der sich zum Schlafen an die Mauer gelegt hatte, seinen Kopf zum Himmel und bellte heiser und hungrig. Der Mond hielt ihn wach – und erinnerte ihn immer wieder an seinen Hunger.

Aus der Ferne drang der Lärm der Stadt herüber, ab und an das Klingen von Glöckchen, die Suppenverkäufer und Schreie der Rikscha-Kulis: „Tscha – lja! Tscha-lja! Tscha-lja!“

Im heißen Indochina hatte ich mich so an die Hitze und die stickigen Nächte gewöhnt, dass ich hier, in dieser 1900 Meter hoch gelegenen Gebirgsstadt, sofort vor Kälte erstarrte und zähneklappernd in mein Zimmer zurück huschte. Der Mond warf lange helle Flecken auf den Boden, die von den Schatten der Rahmen um die kleinen Fenster zerschnitten wurden. Draußen bellte wieder der Hund.

„Warum bin ich überhaupt hergekommen?“, fragte ich mich missmutig und übermüdet. Ich spürte in meiner Kehle das Verlangen, mit dem weißen Hund zu heulen, und dabei hatte ich nicht einmal ein Stück Brot, um seine Verzweiflung zu stillen. Also stand ich auf und ging wieder auf den Balkon, um einen Diener zu rufen. Mein unerwarteter Schrei scheuchte die Krähen im Baum auf. Endlich kam – sehr verwundert und auch etwas verschreckt – der Wachmann des Hotels. Im Mondlicht schien es, als hätte auch er Krähenaugen.

„Bring mir Brot“, rief ich ungehalten, als wäre er schuld an allen hungrigen Hunde, die den Himmel anjaulten.

„Aber es schlafen schon alle“, antwortete er verwirrt.

„Das ist mir egal, dann weck sie eben! Ich will jetzt auf der Stelle Reis oder Brot.“

Nach Mitternacht schliefen ich und der Hund unter meinem Fenster endlich ein. Obwohl wir für einen kurzen Moment zufrieden waren, fühlten wir uns entsetzlich einsam.

Der Morgen weckte mich – rosarot, froh und klar. Die Sonne – was für eine Sonne! – schien in mein Zimmer. Sie drang durch das Fenster und durch alle Ritzen in den Wänden und in der Tür. Sogar die Schatten der Fensterrahmen erschienen mir freundlich. Ich schaute aus dem Fenster – die ganze Erde strahlte. Mit einem breiten Lächeln begrüßte ich die Sonne wie eine gute Bekannte, die ich lange nicht gesehen hatte! Tatsächlich sah ich, seit ich Europa verlassen hatte, zum ersten Mal wieder eine gelbe Sonne an einem blauen Himmel, eine Sonne, der man ohne Tränen auf den Wangen und ohne Stechen in den Augen in ihr sanftes Morgengesicht schauen konnte. Drüben in Indochina hatte ich eine andere Sonne gesehen: fahl, farb- und formlos, entsetzlich, zerflossen in der eigenen Hitze – als hätte sich weißes, grelles Licht über den Himmel ergossen, das in den Augen brennt.

„Jetzt weiß ich, weswegen ich hergekommen bin, wegen der Sonne“, rief ich und trat auf den Balkon, um nach dem Hund zu sehen und meine seltsame Freude mit ihm zu teilen. Aber er war nicht mehr da.

Nach einem Glas Kaffee, das ich im Stehen trank, ging ich mir die Stadt anschauen. Gleich vor dem Tor kam wie aus dem Nichts „mein“ Hund auf mich zugelaufen. Er hatte mich erkannt und sprang freudig hoch, als er mich sah, so dass mein Herz zu zittern begann. Er war das erste Wesen, das mich in China willkommen hieß. Wir wurden sofort Freunde.

Ich erkannte Yunnan Fu nicht wieder, so sehr hatte es sich mit dem Morgen verändert.

Keine Krähen, kein Krächzen, keine Schwermut – nur blauer Himmel und Sonne. Selbst der Hund schien mir nicht mehr so räudig wie in der Nacht, obwohl ich seine Verletzungen und spitzen Rippen, die sich wie Leitersprossen unter dem beinahe kahlen Fell abzeichneten, jetzt noch deutlicher sah. Er sprang noch immer um mich herum, obwohl er seine Morgenration Brot schon längst verzehrt hatte, wahrscheinlich wollte er liebkost werden, aber ich konnte ihn nicht streicheln oder berühren.

„So ist es eben“, sagte ich, um mich zu rechtfertigen und zu trösten. „Vielleicht begleitest du mich auf meinem Spaziergang und zeigst mir deine Stadt? Sei nicht traurig. Ich bin auch allein. Na, los, komm!“, sagte ich und nickte ihm zu, und als hätte er mich verstanden, kam er mit, lief aber nicht voraus, wie es sich für einen Reiseführer gehört, sondern schlich schüchtern und ängstlich an der Mauer entlang.

Als später Pflastersteine auf ihn geworfen wurden, verstand ich seine Scheu und dachte an Jii Liang, wo mich die Chinesen ähnlich empfangen hatten. Während unserer Streifzüge musste ich ihn oft verteidigen, manchmal sogar böswillige Kinder rügen, was alle Passanten höchst erstaunte, wo hat man denn das gesehen, dass sich jemand für einen räudigen, streunenden Hund einsetzte!

Jetzt gehe ich allerdings selbst an unzähligen räudigen Hunden vorbei, ohne ihnen Beachtung zu schenken, selbst der Anblick verhungernder Bettler lässt mich kalt.

Allem gegenüber stumpft man irgendwann ab und gewöhnt sich dran.

Am ersten Tag, als ich noch Kraft hatte, mitzuleiden, habe ich meinen Streuner verteidigt, und heute rührt es mich nicht mehr, wenn ich hunderte solcher Hunde sehe. Dafür ist mein Hund zu einem treuen Begleiter geworden, ja sogar zum Wächter meines bescheidenen Heims.

Ich nannte ihn gleich von Anfang an Kitai – China – ein Name, den außer ihm und mir zum Glück niemand verstand. Das war unser beider Geheimnis, und hätte ein Einheimischer den Namen verstanden, wäre er tödlich beleidigt gewesen und hätte den Hund womöglich vergiftet, weil er den Mut hatte, so einen symbolischen Namen zu tragen. Mittlerweile hat Kitai glatte Seiten und langes glänzendes Fell.

Jeden Morgen wartet er ganz ruhig vor der Tür, bis ich aufgestanden bin, dann geht’s ans Spielen und Rennen auf den Wegen in unserem kleinen Garten. Er apportiert meine Sandalen, die ich möglichst weit weg werfe, er bringt sie zurück, aber nie so nah, dass ich mir mit einem Schwung den Schuh von seinen Zähnen angeln könnte.

Frech und mutig ist mein Kitai geworden.

 

Die Straßen

Auf den Straßen von Yunnan Fu pulsiert das Leben.

Als ich sie zum ersten Mal sah – in Sonnenlicht getaucht und von geschäftigen Chinesen bevölkert –, erwachte der längst vergessene Instinkt der Masse in mir, der Ruf, mit anderen zusammen aktiv zu sein. Ich wollte ihrem Beispiel folgen, irgendwohin gehen, etwas tragen, erledigen, unterwegs sein, dabei stand ich mit meiner Neugier doch nur allen im Weg und behinderte den Strom der Bewegung.

Dieses unablässige Pulsieren war für mich ganz neu, ich war mitgerissen und so gierig auf neue Eindrücke, dass ich schon dachte, meine Pupillen hätten sich erweitert. Alles ringsum war so ganz anders …

Film oder Traum?

Ich möchte am liebsten vor jeder einzelnen Person stehenbleiben, sie lange anschauen und dann berühren, um herauszufinden, ob sie lebt, ob sie echt ist. Doch die Masse schiebt mich weiter.

Die Straße ist gesäumt von Holzhäusern mit spitzen Dächern. Auf der Höhe der ersten Etage ist ein langer Balkon, die keine Fenster, sondern große Holzrahmen mit aufwändigen durchbrochenen Schnitzarbeiten aufweisen, in die statt Scheiben Papierbögen eingesetzt sind. Im ersten Stock befinden sich Wohnungen, im Erdgeschoss kleine Läden, in denen alles Mögliche verkauft wird: handgefertigte Waren, spitze Strohhüte, Bambussandalen, Trockenfrüchte, Fisch, Schildkröten, chinesische Medizin, Seide, Tabak, Opium … Hier sind die zentralen Straßen. Ab und an sieht man in „modernen“ Auslagen fremde Waren, meistens aus Amerika, billiges Spielzeug oder getragene Kleidung. Die Häuser in den „modernen“ neuen Straßen sehen aus wie Mietskasernen – ein chinesisches Imitat von Europa.

In den Nebenstraßen entdecke ich das alte China – so wie es immer gewesen ist. Dort, in den weit geöffneten Läden, kämmen die Chinesen Baumwolle, spinnen, weben, nähen die traditionellen blauen Gewänder, schmieden Gefäße aus Kupfer, Ketten und Ringe aus Silber und Gold, Äxte und Messer aus Eisen, böttchern Eimer und zimmern massive Särge, aus denen weder der Tote noch sein Geist entkommt. Ein Geschäft weiter bohrt ein Zahnarzt einen gesunden Schneidezahn auf, um ein Goldkorn einzusetzen, das den Wohlstand seines Besitzers verrät. Diese Mode haben die Zahnärzte eingeführt, die aus den Praxen in Europa zurückgekehrt sind.

Hier und da sieht man zwischen den Ladenlokalen ein kleines Restaurant – ebenfalls weit geöffnet und zu jeder Tages- und Nachtzeit gut besucht –, dort lassen sich die Kulis und Rikscha-Fahrer die Speisen schmecken, die die Köche vor ihren Augen zubereiten. Auf jedem Tisch steht eine Schüssel Reis, aus der sich die Gäste mit ihren Stäbchen bedienen. Vor den Restaurants warten Bettler und Hunde. Vor den Häusern sitzen, die Beine gekreuzt, Kulis, die sich ausruhen oder auf Arbeit waren. Daneben sitzen gelegentlich ihre obdachlosen Frauen, die mit schlaffen Brüsten ihre Kinder stillen, manchmal zwei im Wechsel: das Jüngere, das auf den Rücken gebunden ist, und das Ältere, das auf der Hüfte sitzt. Die hiesigen Frauen tragen ihre Kinder nie auf dem Arm, denn sie müssen die Hände immer frei haben, damit bahnen sie sich einen Weg durch die Masse oder fangen sich ab, ohne dass die Kinder verletzt werden, wenn sie wegen ihrer winzigen Füße das Gleichgewicht verlieren.

Die Frauen transportieren die Lasten auf dem Rücken, mit einem Riemen an der Stirn und Schnüren an der Schulter oder – wenn der Weg weiter ist – mit einem Joch am Hals.

Dort, wo die Wege zu Straßen werden, die in die Berge führen, begegne ich oft Karawanen von Frauen, die Holz oder Holzkohle tragen. Jede Straße hat ihre eigene Herberge. Hier treffen am Abend die unterschiedlichsten Karawanen ein, die über Nacht in der Stadt bleiben – Karawanen mit Maultieren, Pferden, Männern und Frauen – alle sind unglaublich schwer beladen. Wenn sie ankommen, sind sie müde, erschöpft und außer Atem: Sie haben sich ihre Kraft genau eingeteilt – sie hat genau bis zur Herberge gereicht – und keinen Schritt weiter.

An den Herbergen stehen Garküchen auf Rädern – sie sind billiger als die Restaurants und gedacht für die Karawanengänger, auf die selbst die Rikscha-Fahrer herabblicken. Unter riesigen Schirmen, die über die Küchen gespannt sind, sitzen die Reisenden und die Träger und essen gierig, mit regem Appetit.

Ich bleibe oft an diesen fahrbaren Küchen stehen, man kann zuschauen, wie die Köche Fleisch überm Feuer braten, duftende Reisfladen backen, Leber garen, all die Gerichte zubereiten, mit denen sich die hungrigen Menschen ihre Schüsseln füllen lassen. Es ist eine Freude zu sehen, wie die gierigen Münder die leckeren Teigtaschen und den lockeren Reis verschlingen, und wenn ich das sehe, überkommt mich eine merkwürdige Sehnsucht – die Sehnsucht nach echtem Hunger, den ich nicht mehr kenne. Die Sehnsucht nach körperlicher Arbeit, nach ermüdeten Händen, nach Erde.


1 Sofia singt hier das Lied von Lew Lepkyj „Strilezkyj romans“.