Essays, Kontexte



Essays, Kontexte

Mit Sofia Yablonska unterwegs

Sofia Yablonska – die Ukrainerin aus Ostgalizien, die fotografierende Europäerin, die schreibende Entdeckerin – zu übersetzen, bedeutet, eine Reise in Zeit, Raum und Sprache(n) zu unternehmen. In ihren Reiseberichten „Der Charme von Marokko“, „Im Land von Reis und Opium“ und „Ferne Horizonte“ hält sie beschreibend, erzählend und reflektierend die Beobachtungen und Erfahrungen fest, die sie auf ihren Reisen nach Marokko, China und in den Pazifik gemacht hat. Die entstandenen Texte vermitteln dem Leser einen individuellen Einblick in ihre Erlebnis- und Vorstellungswelt, die geprägt ist von ihrem Leben als junge Frau im mehrsprachigen, multiethnischen, kriegsversehrten Ostgalizien, von ihrer Neugier und Hinwendung zu anderen Kulturen und Gesellschaften und einer  Verankerung in europäischen Denkmustern.
Die Autorin und Fotokünstlerin wurde 1907 in der Nähe von Lwiw geboren, kam nach dem Zusammenbruch des Habsburger Reiches und den Bürgerkriegswirren zunächst mit ihrer Familie nach Russland und ging 1921 nach Lwiw (Lemberg), wo sie unter anderem einen Kurs für unternehmerische Tätigkeit absolvierte und zwei Kinos betrieb, um Geld für einen Frankreich-Aufenthalt zu verdienen. 1926 ging sie nach Paris, studierte an der Schule für Kinematografie, verkehrte in der Kunst- und Literaturszene und schrieb erste Erzählungen, ehe sie von der französischen Metropole aus ab 1929 zu Reisen nach Marokko, China und in den Pazifik aufbrach. Sie reise allein, was für eine Frau zur damaligen Zeit ungewöhnlich war, genoss jedoch den Schutz des französischen Staates, was sie vielfach vor willkürlichen lokalen Übergriffen bewahrte.
An Sofia Yablonskas Reiseberichten lassen sich verschiedene Facetten des Zeitgeistes der späten 1920er und 1930er Jahre erkennen. Wie viele ihrer Zeitgenossen war die junge Frau begeistert von der Bewegung und den neuen technischen Errungenschaften, die das Zurücklegen großer Entfernungen erleichterten. Der Erfahrung des Reisens, der Überwindung des Raums widmet sie in all ihren Reiseberichten eigene Kapitel, in denen sie ihrer Faszination an der Bewegung euphorisch Ausdruck verleiht, etwa in der Beschreibung des Aufbruchs zur Reise in „Ferne Horizonte“ oder in „Der Charme von Marokko“:
„Der Zug rollt der Sonne entgegen! Auf den blauen Himmel zu! Nach Süden! Ta-tam, Ta-tam! Nach Süden! Froh schlägt mein Herz im Rhythmus der ratternden Räder. Ta-Tam, Ta-Tam, Ta-tam! Gen Süden, nach Marseille, und von da aus immer weiter südwärts, bis nach Afrika.“

Die Freude, die Yablonska teilen möchte, bringt sie durch kurze, elliptische Sätze zum Ausdruck, die eine große Dynamik erzeugen. Unter den rhythmisierten Sätzen hört man förmlich die rollenden Räder, und diesen Schwung muss auch die Übersetzung einfangen, sie muss die Bewegung, die Begeisterung, den Rausch erfahrbar machen. 

Neugier und Abenteuerlust
Yablonska hat keine Angst vor der Fremde, sie ist abenteuerlustig und manchmal sogar etwas leichtsinnig. Sie lebt frei und selbstbestimmt. Sie ist nicht nur gern unterwegs, in fremden Gefilden begibt sie sich auch gern mitten hinein ins Geschehen, schlendert durch die Viertel der Einheimischen und saugt gierig alle Eindrücke auf. Dabei prägt ihre forsche und neugierige Haltung auch den Ton ihres Erzählens. Begeistert taucht sie etwa in das bunte Treiben auf dem Markt in Marrakesch ein und beschreibt das Geschehen in einem akzelerierenden Rhythmus, zum Beispiel das Ritual des Feuerschluckens:
„Ist das vorbei, beginnt der Gesang: Der Feuerschlucker stimmt an, sein Schüler antwortet, dann singen alle im Chor, schaukeln, schlenkern mit den Armen, wiegen die Köpfe. Die Bewegungen werden immer hitziger, immer ekstatischer, wildes Geheul mischt sich in den Gesang. Schwindelig vom wallenden Blut, heiser und durstig vom Gesang und Geheul, elektrisiert von den Funken der brennenden Fackel, die der Feuerschlucker schwenkt und die die Härchen auf der Brust und an den Händen versengt, fallen die Zuschauer in einen Zustand rasender Ekstase. Sie beißen sich in ihre Finger, graben ihre Nägel in die Haut und heulen beim Anblick des Blutes auf.“ 

Die Atmosphäre, die Yablonska entgegenschlägt, ist allerdings nicht immer betörend und euphorisierend, sie kann auch abweisend und bedrohlich sein. Von ihrem ersten Streifzug durch Yunnan erzählt sie folgendes:
„Die Betriebsamkeit der Menge, der Gesang der Händler, die Suppen, Süßigkeiten, Gas und marinierte Bohnen feilboten, die Rufe der Karawanengänger, die mit ihren Lasteseln für die Nacht in der Stadt Quartier nahmen, die Schreie der Rikscha-Kulis, die die fetten chinesischen Mandarin in den zweirädrigen Karren zogen, und das Bellen der hungrigen Hunde füllten die Straßen mit einem so seltsamen Gemisch von Tönen, dass einem der Kopf schwirrte wie auf einem Jahrmarktkarussell. […] Ein Stück weiter wurden die Menschen merklich weniger, die Straßen enger, verwinkelter, abgelegener, manchmal endeten sie einfach. Ich machte irritiert kehrt und ging aufs Geratewohl weiter: geradeaus, rechts und links, mal an einer langen Mauer entlang, deren Breschen den Blick auf  die endlosen Friedhofsfelder mit ihren grünen, grasbewachsenen Gräbern freigaben. Hier war alles verstummt, als lauschte es in die abendliche Stille. Nur irgendwo in der Ferne krächzten Krähen an einem Grab. […] Ich drehte mich wieder um. Es war niemand zu sehen, nur hier und da eine klappende Tür, und der Schatten einer Gestalt, die an der Mauer heimwärts huschte. Auch wenn ich sie nicht sah, fühlte ich mich umzingelt von verborgenen Blicken voller Hass und Rachsucht.“

Die Übersetzung darf nun nicht einfach das Geschehen nacherzählen, sondern muss den Eindruck des Betörenden oder Verstörenden, den Yablonska durch Rhythmus und Dynamisierung erzielt, nachbilden. Dafür darf sich die Wortwahl nicht ausschließlich an der Bedeutung orientieren, sondern muss auch nach Vokalklang, Wortbetonung und Silbenzahl erfolgen.

Der europäische Blick
Yablonska beschränkt sich nicht auf Beobachtungen, sie möchte mit den Menschen vor Ort in Kontakt kommen und Anteil an ihrem Leben nehmen, was ihr in Marokko besser gelingt als in China, da sie Französisch, aber kein Mandarin spricht. An verschiedenen Stellen thematisiert sie die fehlende Sprachkompetenz als Hindernis für Austausch und Begegnung. 
Ihre Beobachtungen spiegeln teils die zur damaligen Zeit vorherrschenden Stereotype über die außereuropäischen Kulturen wider. Das Kapitel „Allah ist groß“ in ihrem Marokko-Tagebuch beginnt – wörtlich übersetzt – folgendermaßen: 
    „Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohamed ist sein Prophet. 
Die Araber sind fanatische, primitive, sorglose Kinder! Ihre einzige Moral ist es, dem Leben möglichst viele Freuden zu entreißen, möglichst wenig Mühe zu haben und an keinen anderen Gott als Allah und seinen Propheten Mohamed zu glauben.“

Was Yablonska hier schreibt, entsprach in den 1930er Jahren den verbreiteten Wahrnehmungsmustern, liest sich jedoch im Kontext der heutigen anthropologischen und postkolonialen Forschungen als entwertend und herablassend. Für die Übersetzung stellt sich die Frage, welchen Einfluss Passagen wie diese auf die Rezeption von Yablonskas Texten ausüben. Welche Möglichkeiten der Rahmung und Kommentierung ergeben sich, damit ihre von Neugier und Offenheit geprägte Haltung nicht durch Textpassagen wie diese als vordergründig rassistisch wahrgenommen wird? Inwieweit können historische Äußerungen im Kontext der heutigen Debatten als Zeitdokumente gelesen und diskutiert werden, ohne dass die Autorin einer Diskreditierung ausgesetzt ist, die eine differenzierte Rezeption verhindert? Im ukrainischen Original, das 2018 neu erschienen ist, werden die potentiell als rassistisch zu lesenden Passagen nicht geglättet oder direkt kommentiert. Den Reiseberichten ist jeweils ein einordnendes Vorwort vorangestellt. Wie soll sich hier nun die Übersetzung verhalten? Soll sie dem Original und Yablonskas Wortlaut folgen und den Leser direkt mit der Verbreitung der historischen Narrative der Rückständigkeit konfrontieren, oder soll der Versuch unternommen werden, entwertende Konnotationen zu tilgen, um den Text den Rezeptionsvoraussetzungen von heute anzunähern und der Autorin damit einen Rezeptionsraum unter heutigen Bedingungen zu eröffnen? Die deutsche Übersetzung unternimmt diesen Versuch. Sie lautet:
„Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet.
Die Menschen hier haben ein leidenschaftliches, schlichtes und unbekümmertes Gemüt! Ihre Grundsätze sind denkbar einfach: dem Leben möglichst viel Schönes abgewinnen, sich möglichst wenig anstrengen und an keinen anderen Gott außer Allah und seinen Propheten Mohammed glauben.“

In ihrem Travelogue „Im Land von Reis und Opium“ wirft Yablonska immer wieder die Frage nach der Ungleichzeitigkeit der Entwicklungen in China und Europa auf. Sie beobachtet die Bauernfamilien bei der Feldarbeit, die damals noch nahezu ohne Einsatz von Technik erfolgte, und kommt zu folgendem Schluss: 
„Ich habe noch nie derart üppiges Gemüse gesehen wie in China. Riesige Kohlköpfe! Ein halber Meter im Durchmesser. Und die Gurken, der Mais, die Tomaten, die Kürbisse! Mit fehlen die Worte, um meiner Begeisterung Ausdruck zu verleihen. Als wäre all das nicht auf einem Feld gewachsen, sondern in einem vom Blut durchströmten Herzen. Der Geschmack, die Frische, das Aussehen, das das Gemüse hat! Wenn man sich die vielen akkuraten Beete anschaut, auf denen die Pflanzen um die Wette wachsen, fällt es wirklich schwer zu begreifen, dass es sich hier nicht um ein Wunder, nicht um das Werk von Genies handelt, sondern um eines von ganz gewöhnlichen, schriftunkundigen Chinesen, die lediglich „rückständig leben.“ 
Vielleicht sind sie jenseits ihres Bodens ungebildet, doch von dem verstehen sie mehr als alle „gebildeten“ Völker. Ist das denn nicht auch eine Form von Kultur?
Die Chinesen bearbeiten den Boden nach der Väter Sitte, und zwar so perfekt, dass sie es sogar ohne die Weisheiten und Erfindungen der Zivilisation mit uns aufnehmen können, ja, in mancher Hinsicht sogar weiter sind als wir.“

Yablonska stellt ihre persönlichen Beobachtungen und Grundannahmen über den Entwicklungsstand in China und in Europa gegenüber und operiert dabei mit den Kategorien „темний“ - „zurückgeblieben, finster, ungebildet“ und „освічений“ – „gebildet, aufgeklärt, kulturvoll“, wobei sie beide Adjektive in Anführungszeichen setzt, um zu signalisieren, dass sie die wertenden Facetten der Ausdrücke durchaus in Frage stellt. So bildet das europäische Fortschrittsnarrativ zwar einerseits den Ausgangspunkt für ihre Beurteilungen, wird aber gleichzeitig durch ihre persönlichen Beobachtungen kritisch hinterfragt.
Die Übersetzung der Beobachtungen und Kommentare ist hier eine Gratwanderung. Yablonskas Grundhaltung, die geprägt ist von ehrlichem Respekt gegenüber der schweren Arbeit der Bauern, und der Beargwöhnung herrschender Vorstellungen, ist eng zu folgen. Jede lexikalische oder syntaktische Entscheidung, die den Ton in Richtung des Despektierlichen oder Überheblichen verschiebt, würde Yablonska von Lesern der deutschen Übersetzung unweigerlich den Vorwurf des Rassismus eintragen.

Fotografieren und Filmen
Sofia Yablonskas eigene Technikbegeisterung erstreckt sich vor allem auf das Fotografieren und Filmen. Bei ihren Versuchen, ihre Eindrücke nicht nur schriftlich, sondern mit den neuen Medien Foto und Film festzuhalten, stößt sie auf den erbitterten Widerstand und die panische Angst der örtlichen Bevölkerung. Niemand möchte sich fotografieren oder filmen lassen, ihre zahlreichen Überredungs- und Bestechungsversuche scheitern. In diesen Darstellungen tritt Yablonska aus der Beobachterposition heraus und wird selbst Teil des Geschehens: 

„Etliche Male stand ich mit meiner Kamera an einer Kreuzung, die auf mehreren Quadratmetern von der Sonne beschienen wurde, und die Menschen harrten stundenlang davor aus. Ich zeigte viel Ausdauer, doch ihre Ausdauer war stärker. Auch wenn keine Polizei kam und die Leute sich nicht trauten, mich zu verscheuchen, weil sie meinen Diener mit dem Gewehr sahen, war ich immer diejenige, die zuerst aufgab, die Chinesen ließen nämlich einfach ihre Ochsen halten und gingen ins nächstbeste Lokal Tee trinken.“

Ukraine in Marokko
Yablonska schreibt als Europäerin, deren Perspektive von ihren Erfahrungen mit fragiler Staatlichkeit und wechselnder kulturell-territorialer Zugehörigkeit geprägt ist. Einerseits verleiht sie stets ihrer Gewissheit Ausdruck, dass Europa dem Rest der Welt technisch und zivilisatorisch überlegen ist. Andererseits reflektiert sie kritisch die Praktiken der französischen Kolonialmacht in Marokko und Yunnan und zieht Parallelen zum Unabhängigkeitskampf der Ukraine und der gescheiterten Staatsbildung am Ende des Ersten Weltkriegs. Diese an verschiedenen Stellen auftauchenden Bezüge zur aktuellen Lage auf dem Gebiet der Ukraine verweisen auf den Leserkreis, an den Yablonska sich in ihren Reisetagebüchern richtet. Im Kapitel „Das Schachbrett“ im Marokko-Tagebuch widmet sie eine Passage dem Umstand, dass die Ukraine weder auf der mentalen Karte der Franzosen noch der Bewohner in Marokko verankert ist. Bei einem Besuch eines Kaids stellt dieser ihr seine europäische Sekretärin vor:
„Und jetzt wundern Sie sich, dass ich eine europäische Sekretärin habe. Ihre Verwunderung wird wahrscheinlich noch zunehmen, wenn ich Ihnen sage, dass Sie eine Landsmännin von Ihnen ist.“
[…]
„Sie ist Ukrainerin?“
„Nein“, antwortete er gedehnt, „Russin. Aber ist das nicht ein und dasselbe Land?“
Ich erklärte ihm den Unterschied zwischen uns und den Russen. Ich zeichnete eine Karte der Ukraine und ihrer Nachbarländer, damit er eine Vorstellung davon bekam, wo das Land lag; schließlich klärte ich ihn auf, dass es mehr als vierzig Millionen Ukrainer gab und dass das Land anderthalb Mal so groß wie Frankreich ist. Diese ganzen Fakten konnte ich herbeten, denn immer wieder musste ich Franzosen und andere Ausländer unterweisen, da sie die keine Ahnung hatten, dass es dieses Land überhaupt gab.

Wenn man bedenkt, dass Yablonskas Tagebücher vor mehr als neunzig Jahren geschrieben wurden, muss man konstatieren, dass sich an der Wahrnehmung und dem Wissen über die Ukraine bis heute nichts Wesentliches geändert hat. 

Ukrainische Mehrsprachigkeit
Yablonska verfasste ihre Text auf Ukrainisch, obwohl Lwiw 1926 verlassen hatte und abgesehen von wenigen Besuchsreisen in den 1930er Jahren dorthin nicht mehr zurückkehrte. Sie hatte keine ukrainische Schule absolviert, sondern Ukrainisch im Alltag gelernt. Im Polen der Zwischenkriegszeit wurde an allen Bildungseinrichtungen ausschließlich auf Polnisch unterrichtet.
Und so ist Yablonskas Sprache geprägt von der unkonventionellen Mehrsprachigkeit, die sie in ihren jungen Jahren in Lwiw erlebt hat. Ihre Sprache ist teils hölzern und ungelenk, sie setzt ungewöhnliche Kollokationen ein und flicht polnische, russische oder französische Wörter in den ukrainischen Text ein. 
So verwendet sie Wörter wie вінда von winda (Poln.) für Fahrstuhl, аманд von amande (Frz.) für Mandel, Autorisation (Frz.) für Genehmigung, масакра von massacre (Frz.) für Massaker. 
Oftmals erfindet sie Ausdrücke, indem sie an einen lateinischen oder französischen Wortstamm eine ukrainische Endung anfügt und so ein neues ukrainisches Wort entstehen lässt. 
Auch Einsprengsel aus den Sprachen der Länder, die sie bereits, zum Beispiel aus dem Arabischen und Mandarin, finden sich. Im Kapitel „Berberische Gastlichkeit“ im Marokko-Tagebuch gibt sie ein gesungenes Lied zweisprachig wieder, in dem sie einige Zeilen in einem marokkanischen Dialekt einfügt: 

«Не падає дощ на землю
Аллах вас карає
Не падає дрщ на землю!
Алля, Алля, ін жімба хта
Алля ін жімба хта.
Вітер трави зеленькі
Піском поливає!
Не падає дощ на землю,
Аллах вас карає!
Аллах ін жімба хта.»    

„Fällt kein Regen auf die Erde,
straft euch Allah,
fällt kein Regen auf die Erde
Allah, Allah yidschib esch-Schta
Allah yidschib esch-Schta
Der Wind träufelt Sand
auf  die grünen Halme!
Fällt kein Regen auf die Erde,
straft euch Allah!
Allah yidschib esch-Schta.“

Yablonska schöpft in ihrem Sprachgebrauch aus ihrer Mehrsprachigkeit und verwendet Wörter, die ihr in der gegebenen Situation als passend und angemessen erscheinen. Ihr Wortschatz ist nicht nach einzelnen Sprachen getrennt, sondern die Wörter verschiedener Sprachen fließen einander. Für die Übersetzung ist das ein kompliziertes Phänomen. Die französischen Entlehnungen lassen sich größtenteils übernehmen, da viele deutschsprachige Leser Französisch oder Latein gelernt haben und Grundvoraussetzungen für das Verstehen von eingefügten Wörtern mitbringen dürften. Mit dem Polnischen stellt sich die Situation grundlegend anders dar. Yablonskas Texte wurden explizit für Leser in Lwiw geschrieben, das in der Zwischenkriegszeit zu Polen gehörte. Damit erleichterte nicht nur die enge Verwandtschaft zwischen dem Polnischen und Ukrainischen den damaligen Lesern das Verstehen, sondern auch der intensive Sprachkontakt, von dem die ostgalizische Stadt damals geprägt war. Im Deutschen sind diese Verstehensvoraussetzungen nicht gegeben, deswegen werden die polnischen Entlehnungen ins Deutsche übersetzt. Der Eindruck der Mehrsprachigkeit wird von dieser Übersetzung allerdings geschmälert.

Zeit, Raum und Sprache(n) übersetzen

Mit Sofia Yablonskas Reisetagebüchern übersetze ich zum ersten Mal Texte, bei denen gleichzeitig zeitliche, räumliche und sprachliche Distanzen überwunden werden müssen. Es gilt, die Texte, die die Denkmuster und Debatten der 1930er Jahre repräsentieren, in den Rezeptionsraum der Gegenwart zu überführen, der stark geprägt ist von der Auseinandersetzung mit postkolonialen Strukturen und Denkweisen. Außerdem müssen Yablonskas Beobachtungen und Reflexionen, die sich in ihre bereits vorhandenen Erfahrungen aus Paris und Lwiw einschreiben, in den europäischen Rezeptionsraum des 21. Jahrhunderts eingebettet werden. Darüber hinaus muss der mehrsprachige Charakter der Texte Eingang in die Übersetzung finden.
Die hier vorgestellten Beispiele stellen lediglich einen Anfang für weitere Überlegungen dar.