Jurij Wynnytschuk

Der Todestango

Das alte zweigeschossige Gebäude an der Klepariwska trug noch die Gerüche aus der Zwischenkriegszeit in sich, sie hatten sich auf ewig in den abgeblätterten Putz, in die ramponierten Fensterbretter und Rahmen eingefressen, die Treppen ächzten bei jedem Schritt melancholisch, die hatten bestimmt einiges erlebt bei ihrem Alter – deutsche Soldaten, die die Treppen rauf und runter trampelten und Juden suchten, Tschekisten, die die Treppen rauf und runter trampelten und Widerständler suchten, und die einen wie die andern führten jemanden mit vorgehaltenen Maschinenpistolen zur Hinrichtung ab, und die Treppe seufzte mitleidig und ächzte und stöhnte, und lange noch spiegelten sich die verschwundenen Menschen verschwommen in den Fenstern, ihre entsetzten Gesichter, ihre verängstigten Augen, all die Verzweiflung und Angst, doch auch Wut, Feindschaft, und an den Wänden blühten noch lange die Abdrücke ihrer Hände. Weiterlesen

Vasyl Koželjanko

Die Silberspinne

(Anfang) Im Frühling 1938 lief die Unruhe Streife in Czernowitz wie ein eifriger rumänischer Gendarm, der jederzeit und überall sein will, um auch in den entlegendsten Ecken dieser „seit eh … Weiterlesen

Julia Musakowska

annamaria

annamaria planscht wie ein fisch platscht auf dem wasser herum annamaria ist mein persönliches u-boot wurde als ebenbild dieser submarina geschaffen sinkt so vorsichtig dort auf den grund annamarias tiefen … Weiterlesen

Julia Musakowska

und Worte

und worte, was sind worte, sie existieren unabhängig von uns wir treten unfrisiert in ihr zimmer mitaugenlidern scharf wie macheten mitlungen voll bitterem karma und die scheuen worte fliehen ohne … Weiterlesen

Julia Musakowska

Die Zugluft zwischen den Zimmern

Die Zugluft zwischen den Zimmern, wie ein Waldhorn zieht sie sich. Ein kaltes Lachen fließt und wird zu Schleim verflüssigt milchig. Ein dreister Wachmann, ein ungeschickter Page, verscharrt Schmutz im … Weiterlesen

Julia Musakowska

namen verlassen die festungen

namen verlassen die festungen meiner epiloge namen durchbohren den himmelsrand mit ihren gefiederten körpern ich weiß ihre zahl nicht mehr du hast diese schar absichtlich aufgescheucht ihr redseliges gefieder wird … Weiterlesen

Artem Tschech

Ein letzter K.o.-Schlag

Wenn ihn jemand gefragt hätte, wer er eigentlich sei, hätte Walerij Semenowytsch  Bruchanda kaum gewusst, was er sagen soll. Bruchanda hatte keine Freunde. Bis auf den alten, von Krankheiten geplagten … Weiterlesen

Ostap Slyvynsky

Adam

Alt, doch gefangen in einem Kindernetz! Im fünften Jahrtausend erwachen mit einer im Schlaf angemalten Glatze! Wer bin ich? Ein zerstreuter Alter im Faunkostüm. Und die Kinder nehmen mich bei … Weiterlesen

Maxym Kidruk

Bot‘ / Verrückt in Peru

Jamie glotzte das ärmliche Holzkreuz an, das sich vom nächtlichen Himmel abhob und fühlte, wie ihn das bittere Gefühl einer Kränkung überflutete. Aufgebracht und ratlos stürmte der Pygmäe in die Kirche. Er fiel vor Müdigkeit fast um. Sein Kopf explodierte vor höllischem Schmerz. Ununterbrochen knurrte beleidigt sein Magen.

Die Kirche war leer. In einer entfernten Ecke, unter drei mit der Zeit verblassten Heiligenbildern, brannten einige Kerzen. Weiterlesen